116 117 - ein Projekt, bei dem es nur Gewinner gibt!

Aktuell im Interview mit Dr. Hans-Joachim Helming zum Projekt "Bundeseinheitliche Bereitschaftsdienstnummer"

01. 09. 2007

Herr Dr. Helming, vor wenigen Tagen waren Sie in Brüssel. Lobbying für eine gute Sache - es geht um das von Ihnen initiierte Projekt einer einheitlichen Bereitschaftsdienstnummer für ganz Deutschland. Genau, und bei unserem nunmehr zweiten Treffen mit Parlamentariern und Institutionen konnten wir erfolgreich das Projekt in Richtung europäische Bereitschaftsdienstnummer entwickeln. Es ist ja bekannt, dass die KV Brandenburg im Sinne der Aufgabenteilung auf Bundesebene (Stichwort Kompetenz-Zentren) den Auftrag erhalten hat, den einstimmig in der KBV-Vertreterversammlung gefassten Beschluss umzusetzen. Das Projekt hat mittlerweile eine längere Genese ... Ursprünglicher Ansatz war vor etwa zwei Jahren, aus der Erfahrung des Versorgungssystems bis 1989, die in den neuen Bundesländern noch bekannte Telefon-Nummer 115 zu "reanimieren", welche bekanntlich für den DHD (Dringlicher Hausbesuchs Dienst) stand. Im Ergebnis der erfolgreichen Umsetzung unserer Bereitschaftsdienst-Struktur in Brandenburg erwies es sich als notwendig, das Ungetüm der 14-stelligen Zahlenfolge zu verkürzen und patientenfreundlicher zu gestalten. Warum Genehmigung aus Brüssel, wenn es sich um eine deutschlandweite Nummer handelt? Mit der Idee der Reanimation der 115 für diesen Dienst versuchten wir bei der damaligen Regulierungsbehörde nicht nur für Brandenburg, sondern gleich optional für die gesamte Republik, die Nummer reservieren zu lassen. Dort wurde uns vermittelt, dass derartige Nummern nicht mehr der nationalen Zuständigkeit unterliegen, sondern der EU-Kompetenz zugeordnet wurden. Also: Brüssel! Das Projekt als solches bringt ausschließlich Vorteile. Welche sind das aus Ihrer Sicht? Dadurch, dass es nun ein "Europa-Problem" geworden ist, wird der Mehrwert einer solcher einheitlichen Service-Nummer unendlich viel größer. Woran denken Sie konkret? Zunächst einmal reduziert sich die zu merkende Ziffernfolge auf 6 - statt bisher 14, wie bei uns in Brandenburg. Dies führt automatisch dazu, dass diese Telefonnummer für jeden schneller abrufbar ist und sich auch kaum Zahlensalat einschleichen wird, wie das zur Zeit hin und wieder passiert. Woran noch? Es wird der "Nummern-Zoo" in der Bundesrepublik beseitigt! Egal wo ich mich aufhalte, ich brauche dann nicht mehr nach der Erreichbarkeits-Nummer des zuständigen Bereitschaftsdienstarztes zu suchen, sondern kann mich mit der 116 117 in den Alpen wie auf Hiddensee mit dem zuständigen Bereitschaftsdienstarzt oder einer entsprechenden Struktur verbinden lassen. Eventuell dann sogar europaweit. Wenn andere Länder nachziehen, kann ich mit dieser Nummer in Zukunft auch in Spanien oder Griechenland, wenn ich dort "urlaube" oder beruflich unterwegs bin, die jeweiligen landesspezifischen Dienste ambulanter medizinischer Hilfe in Anspruch nehmen! Ich muss nicht wissen, wie das System in Portugal gestrickt ist und bekomme trotzdem ambulante medizinische Hilfe - im Bedarfsfalle sogar mittels Dolmetscher! Bislang hat die KV Brandenburg für ihre Tätigkeit viel Unterstützung erfahren. Und dafür sind wir auch sehr dankbar, denn es bedeutet enorm viel Aufwand, ein solches Projekt "durchzuziehen". Allein schon in Deutschland wiehert an jeder Straßenecke ein bürokratischer Amtsschimmel. Und ich merke, dass auf europäischer Ebene die Netzwerke und Strukturen noch dichter, aber auch anders gestrickt sind. Einerseits ist dies zu erfahren äußerst spannend. Andererseits ist es aber zugleich ein unendlich mühsames Geschäft! Auch die anderen KVen und die KBV sind mit im Boot, wie sehen die nächsten Schritte der Umsetzung aus? Nachdem die Länder-KVen den besagten Grundsatz-Beschluss fassten, wird nunmehr um die konkreten Umsetzungsdetails gerungen. Wir kennen uns alle gut genug, um zu wissen, dass auch der innerärztliche Meinungsbildungsprozess alles andere als eine Autobahn ist. Da schwingt ein Aber mit ... Gleichwohl sind aber bereits die meisten KVen in der Lage, relativ schnell die Umsetzung anzugehen. In anderen Bereichen bedarf es hingegen noch einiger Vorlaufzeiten - aber genau dies ist auch die Situation der Länder in Europa.Es ist also völlig normal, dass die Geschwindigkeit des Umsetzungsprozesses aus der Summe aller Triebkräfte und Hemmnisse resultiert.Dankbar bin ich insbesondere für die uneingeschränkte Unterstützung durch den KBV-Vorstand, da insbesondere das Lobbying in Brüssel nicht nur eine zeitaufwendige, sondern auch kostenintensive Veranstaltung ist. Eine wichtige Rolle fällt der technischen Umsetzung zu. Wir haben in Brandenburg mit unserer Lösung für den Bereitschaftsdienst gute Erfahrungen gemacht. Ist dies auch eine Lösung für eine bundesweite Umsetzung? Genau auf dieser technischen Basis funktioniert das neue System, so dass wir hier nur die Nummer tauschen lassen müssen und schon sind wir für jeden Bundesbürger oder Europäer, der sich in Brandenburg aufhält, erreichbar. Auch bundesweit bedarf es nur minimaler technischer Umstellungen und das System funktioniert! Ein solches Projekt verursacht natürlich Kosten. Reden wir über Geld ... Normalerweise kommt an dieser Stelle das "natürlich kostet das, aber ...". Hier jedoch kann man guten Gewissens sagen, dass die Kosten - gemessen an dem Benefit - ausgesprochen niedrig sind. Was heißt das? Für die gesamte Bundesrepublik (82 Mio. Einwohner!) kostet das Routing der Anrufe pro Monat rund 100.000 Euro! Davon haben wir beispielsweise in Brandenburg etwa 3.500 Euro zu stemmen. Dies ist eine absolut vertretbare Summe für den Imagegewinn, den die niedergelassenen Ärzte für diesen Service bei den Patienten erlangen. Wir geben Millionen auf Bundesebene aus, um unser Interessenvertretungssystem in der Öffentlichkeit aus der Buhmannecke herauszuholen.Mit diesem Service punkten wir unendlich mehr bei Patienten, Politik und Kassen. Deswegen bin ich auch hoffnungsvoll, dass es gelingt, diese Kosten von der GKV tragen zu lassen, denn letztlich ist es ein Service für deren Versicherte. Wagen Sie bitte zum Abschluss eine Prognose: Wann könnte es bundesweit heißen: 116 117 - hier ist Ihr ärztlicher Bereitschaftsdienst? Bundesweit könnte die Nummer bereits Ende nächsten Jahres eingeführt sein. Brandenburg könnte sofort mit der Umstellung beginnen, da wir die technische Infrastruktur bereits nutzen (allerdings für das 14-stellige Nummern- Ungetüm). In Europa würde diese Nummer in den nächsten Jahren schrittweise eingeführt werden können.


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